Seelensammler I

Der Sommer, eigentlich heiß und unangenehm, war dem allmählich einsetzenden Regen gewichen, der zwar kühl, aber nicht eisig war. Es war der letzte Montag vor meinem Urlaub. Das Wetter heiterte mich zwar auf, denn es entsprach ganz und gar nicht dem, was alle Sonnenhungrigen erwartet hatten, aber ich genoss es den Regen auf meiner Haut zu spüren. Außerdem sorgte der Regen dafür, dass die hibbeligen Menschen nun ruhiger und besonnener wurden, wenn auch nicht unbedingt weniger nervig. Meine Melancholie ließ auch nicht lange auf sich warten und nicht nur einmal dachte ich daran, dass mein Leben vielleicht eine andere Funktion auf diesem Planeten hatte. Ich wurde das Gefühl einfach nicht los, dass das, was ich jetzt „Leben“ nannte, einfach nicht das war, was mir eigentlich vom Schicksal zugedacht worden war. Immerzu dachte ich darüber nach, was denn eigentlich der Sinn meines Seins war und kam wie immer zu keinem brauchbaren oder zufriedenstellenden Ergebnis. Manchmal fühlte ich mich in meiner Haut auch regelrecht falsch. Ein Gefühl, als würde das Leben das ich führte, nicht wirklich zu mir passen, es schlabberte an alles Ecken und Enden, zwickte hier und da, weil es zu eng war.

Wieder in Gedanken versunken, die den eben geschilderten beinahe genau entsprachen, stand ich am Bahnsteig. An dem Bahnsteig gegenüber stand eine hoch gewachsene Gestalt. Ein junger Mann, ganz in Schwarz gekleidet. Seine ebenso schwarzen Haare fielen in Strähnen in seine Stirn und seine hellen, blauen Augen beobachteten das Treiben am Bahnhof mit regem, nicht aber übermäßigem Interesse. Er trug ein schwarzes Hemd, das über seinen Hosenbund hinaus hing und dessen untere Knöpfe geöffnet waren, sodass man den hellen Gürtel sehen konnte. An seinem Ohr hing ein mystisch aussehender Ohrring. Ich bedachte die Gestalt mit einem kurzen Blick, weil sie nicht übermäßig interessant wirkte. Die Tasche, die über meiner Schulter hing, war schwer, denn in ihr befanden sich alte Bücher, die ich in einem Karton neben Mülltonnen gefunden hatte. Sie luden ihr Gewicht deutlich auf meine Schultern, die leicht schmerzten. Allmählich wurde es voller am Bahnsteig, die Menschen drängten sich dicht an dicht, achteten nicht auf ihre Mitmenschen. Nicht selten bekam ich eine Tasche in die Rippen oder einen Ellenbogen in die Seite. Meistens ignorierte ich das, denn ich wollte mir keinen Ärger einhandeln und die Menschen waren mir sowieso gleichgültig. Doch eine Frau ging mir gewaltig auf die Nerven. Ich stand schon vor dem weißen Streifen, der als Begrenzung des Bahnsteigs diente und eine stark geschminkte Frau musste sich dann noch vor mich drängen. Sie stellte ihren Koffer ab, schob mich mit ihrem Ellbogen nach hinten und zog sich eine Zigarette aus ihrer zerknüllten Packung. Ich schloss die Augen, machte ein paar Schritte zur Seite um ihr nicht im Weg zu sein. Der stinkende Qualm ihrer Zigarette zog zu mir rüber und ich rümpfte die Nase. Dann rückte sie wieder näher an mich heran. Diesmal so nah, dass ich nicht ausweichen konnte und ihren Ellenbogen, als sie sich auf diesem engen Raum ausgiebig streckte, voll in die Seite bekam. Ich zuckte zusammen, schlang die Arme um meinen Körper und drehte mich ein wenig zur Seite. Der Lautsprecher über uns knackte, dann verkündete der Bahnsprecher den einfahrenden Zug. Ich konnte die Gleise vibrieren spüren, dann erreichte eine kleine Gruppe von Grufties das Gleis und bahnten sich ihren Weg durch die Menschenmassen. Die Frau neben mir machte sich so breit, dass ein Mädchen in schwarzen Netzstrümpfen ihre liebe Müh hatte an ihr vorbei zu kommen. Bei dem Versuch rempelte sie mich versehentlich an. Ich verlor das Gleichgewicht, ruderte mit den Armen, konnte aber nicht verhindern, dass ich auf die Gleise stürzte. Im Fall sah ich noch, wie das Mädchen erschrocken aufschrie, mir ihre Hand reichte, die ich knapp verfehlte und wie der Zug immer näher kam, so nah, dass ich die Hitze spüren konnte. Die schweren Bücher zogen mich zusätzlich hinunter. Einige der Passanten erstarrten, hinter dem Mädchen erschienen zwei weitere und ein Junge, alle drei ebenfalls in ausgefallene schwarze Kleider gehüllt. Die geschminkte Frau neben mir hatte sich zur Seite gewandt und ihre Augen weiteten sich ungläubig. Neben ihr war niemand. Doch ich streckte die Hand nach dem Mädchen mit den Netzstrümpfen aus. Konnte sie das Mädchen etwa nicht sehen? Dann drang der Geruch von heißem Stahl an meine Nase. Ich kniff die Augen zusammen, machte mich auf den harten Aufprall auf den Schienen gefasst und wurde dann von einer gewaltigen Kraft mitgerissen, die plötzlich von vorn auf mich einwirkte. Ich wagte nicht die Augen zu öffnen, aus Angst, dass mich der Zug erwischen würde. Wenig später hörte ich, wie eine Männerstimme etwas in einer unbekannten Sprache sagte, dann rutschten wir über den kalten Betonboden. Ein Bein hatte sich zwischen meine geschoben, Arme hielten mich fest. Zögernd öffnete ich die Augen. Ich schielte durch einen schmalen Spalt und sah nur schwarz. Völlig überfordert schloss ich daraufhin wieder die Augen.

„Ist sie verletzt?“, fragte eine Mädchenstimme. Ich wurde hellhörig. Vorsichtig strichen Finger über meine Wangen, schoben meine Haare aus dem Gesicht. Instinktiv fegte ich die Hand beiseite, ergriff dann das Handgelenk der Person und drückte mit aller Kraft zu. Entschlossen öffnete ich die Augen. Vor mir kniete der hoch gewachsene junge Mann. Anscheinend hatte er mich gerettet, denn er war es, der mich mit seinem Körper gegen die kalte Bahnhofswand drückte und mich schützte. Die drei Mädchen, die mir am Bahnsteig aufgefallen waren, hockten hinter ihm. Jede sah mich besorgt an. Einzig der Junge stand und spähte hinüber zur anderen Seite, wo der Zug abfuhr.

„Bist du verletzt?“, fragte eine tiefe Männerstimme. Ich wandte zwar den Kopf und sah meinen Retter auch an, doch wirklich realisieren, was er zu mir gesagt hatte tat ich nicht. Er zog sein Bein zurück, ließ mich vorsichtig an die Wand gleiten, als er seine Arme zurückzog und sah mich eindringlich an. Das Mädchen mit den Netzstrümpfen näherte sich mir bis auf ein paar Zentimeter. Sie drückte sich gegen meinen Retter, der unbeweglich vor mir kniete.

„Das muss wohl der Schock sein“, mutmaßte das Mädchen. Ich sah sie aus teilnahmslosen Augen an. Instinktiv griff ich an meine Seite, nach meiner Tasche, doch sie war weg. Das versetzte mich nun doch in Panik. Ich richtete mich so abrupt auf, dass das Mädchen zurückzuckte und auf den Hintern fiel. Sie protestierte mit einem leisen Aufschrei. Ich drückte mich an den anderen vorbei und ließ meinen Blick suchend über den Boden gleiten. Und erst, als ich dann den Fahrkartenautomaten sah wurde mir bewusst, dass ich mich nicht mehr auf dem Bahnsteig befand. Ich fuhr herum und starrte die Fünf an.

„Wer seid ihr?“, kam die Frage wie aus der Pistole geschossen. Das Mädchen sah hilfesuchend zu dem Schwarzgekleideten. Dessen schmale Augen verengten sich noch ein Stück.

„Hast du es vergessen?“, fragte er anstatt mir eine Antwort auf meine Frage zu geben. Ich stemmte die Hände in die Hüften und sah ihm mürrisch entgegen.

„Vielleicht sollte ich doch die Polizei rufen“, schleuderte ich ihm meine Antwort entgegen. Und im gleichen Augenblick griff ich in meine Hosentasche und förderte mein Handy zutage. Ich klappte es auf und wählte eine dreistellige Nummer an, als eine Hand hervorschnellte, die mein Handgelenk packte. Ich brauchte nicht aufzusehen um zu wissen, wer das war. Allein die Ärmel des Hemdes erkannte ich an den Manschettenknöpfen.

„Tiades!“, rief das Mädchen mit warnender Stimme. Der Schwarzhaarige zuckte nicht zusammen, schien aber dennoch auf ihre Stimme oder zumindest auf ihre Stimmlage zu reagieren. Sein Griff lockerte sich zwar, doch er ließ mich nicht los.

„Wer seid ihr?“, fragte ich noch mal. Das Mädchen trat an uns heran, versuchte so Abstand zwischen mich und Tiades zu bringen. Seine düstere Erscheinung und sein gleichgültiges Gesicht machten ihn nicht gerade zu einem heiteren Menschen. Und wenn ich ehrlich war bezweifelte ich sogar, dass er ein Mensch war. Ich wandte meinen Blick dem Mädchen zu.

„Ich bin Fiare. Obwohl ich nicht so aussehe, bin ich Tiades´ Schwester“, erklärte sie und augenblicklich maß ich die beiden ungleichen Geschwister. Tiades war wirklich groß und mehr als gutaussehend. Auch Fiare hatte eine schöne Figur und ein ebenmäßiges Gesicht aus dem zwei große blaue Augen heraus stachen.

„Und was seid ihr? Stalker? Menschenhändler?? Drogendealer?“ Fiare runzelte die Stirn. Es schien beinahe so, als hielt sie mich für durchgeknallt.

„Wahrscheinlich doch der Schock“, murmelte ein Mädchen mit silbernen Haaren. Ich warf ihr einen missmutigen Blick zu.

„Um mich aus den Latschen zu hauen braucht es etwas mehr, als ein paar düstere Gestalten mit Galgenhumor“, bemerkte ich spitz. Tiades zuckte.

„Vielleicht braucht es auch nicht mehr, als die Tatsache, dass du…“, begann der Junge, der am Rand der Gruppe und Fiare sah ihn warnend an. Er verstummte auch sofort und ich musste grinsen. Er stand also völlig unter ihrem Pantoffel. Tiades wandte sich mir zu. Er schien wütend zu sein, denn seine Augenbrauen bildeten ein steiles V.

„…dass du tot bist!“, beendete er den Satz des Jungen und fing sich einen strafenden Blick von seiner jüngeren Schwester ein. Ihn schien das nicht zu stören. Er forschte in meinem Gesicht nach einer Reaktion auf die Tatsache, dass er mir eben erläutert hatte, dass ich angeblich tot war. Ich lächelte müde, nahm die Hände aus den Taschen und kickte einen Stein mit meiner Schuhspitze auf die Gleise.

„Und?“, fragte ich gleichgültig. Tiades´ Lid zuckte. Er schien wirklich entnervt zu sein. Fiare sah mich mit einem mitleidigen Blick an. Tiades hob die Hand, kam auf mich zu und ich erkannte auf seiner Haut ein Mal. Am Handgelenk. Es sah aus wie ein Kreuz, das auf dem Kopf stand. Unberührt betrachtete ich es. Fiare deutete auf meinen Nacken, ich fuhr mit der Hand über die Haut. Sie war heiß, gereizt. Ich vermutete, dass ich einen Kratzer davongetragen hatte, als mich Tiades gerettet hatte.

„Es ist unser Zeichen. Das Zeichen der Wächter der Nacht“, erklärte Fiare. Sie legte soviel Sanftheit in ihre Stimme, dass mir sofort aufging, was sie damit bezweckte. Sie wollte mir möglichst schonend beibringen, dass ich nicht mehr am Leben war. Tiades packte mich unwirsch am Handgelenk und zerrte mich mit sich.

„Tiades, was hast du vor?“, fragte der Junge hinter Fiare. Beide starrten dem Schwarzgekleideten wortlos nach, lösten sich dann irgendwann aus ihrer Starre und folgten uns.

„Tiades!“, rief er wieder. Ich warf einen Blick zurück zu den anderen, die uns folgten.

„Misch dich nicht ein, Karas!“, knurrte Tiades und eilte mit mir die Treppe hinauf. Dort oben wimmelte es von Menschen. Es war laut und bunt, so wie es sich für einen Bahnhof gehörte. Überall standen Passanten, Reisende irrten umher auf der Suche nach ihrem Gleis. Tiades ließ mich los. Ich rieb mir das schmerzende Handgelenk und betrachtete das wirre Durcheinander. Fiare, Karas und die anderen Mädchen blieben in einigem Abstand zu mir und Tiades stehen, als fürchteten sie einen Wutausbruch des hoch gewachsenen Mannes. Langsamen Schrittes entfernte ich mich von den anderen. Fiare warf Tiades einen vorsichtigen Blick zu um abzuschätzen, wann sie eingreifen musste. Sie spürte deutlich die Unruhe in der sich ihr Bruder befand. Wenngleich das auch selten vorkam, dass er eine Seele rettete und sie in die Zwischenwelt holte, schienen ihn diesmal Zweifel zu plagen.

„Meine Tasche!“, entfuhr es mir. Ich erkannte meine schwarze Tasche vor den Füßen eines Polizisten. Er hielt einen Notizblock in der Hand und notierte sich etwas. Ich trat an die kleine Gruppe heran, konnte aber nicht verstehen was sie sagten, obwohl ich sehen konnte, dass sich ihre Lippen bewegten. Einer der Polizisten machte so unerwartet einen Schritt zurück, dass ich nicht mehr ausweichen konnte. Ich hob die Arme vor die Brust und das Gesicht um mich zu schützen, da trat der Polizist in mich hinein und durch mich hindurch. Im ersten Moment erschrak ich nur, dann machte sich in meinem Bauch langsam ein mulmiges Gefühl breit. Jetzt realisierte ich, dass Tiades wirklich recht gehabt hatte. Ich taumelte zurück, griff nach dem Arm eines der Polizisten und griff hindurch. Fiare kam herbeigeeilt und zog mich von der Gruppe Polizisten weg. Jetzt konnte ich auch verstehen was sie sagten.

„…schrecklich, dass das passieren konnte! Zeugen haben gesehen, wie sie einfach das Gleichgewicht verloren hat und gestürzt ist. Da konnte man nichts mehr machen.“

„Können wir denn die Leiche bergen?“

„Der Zugverkehr wurde eingestellt und der Bahnsteig gesperrt. Die Spurensicherung und die Gerichtsmediziner sind auch schon unterwegs!“ Tiades kam dazu und zog uns von der kleinen Gruppe von Polizisten weg. Mein Gesicht war unbewegt, aber in meinem Innern herrschte ein heilloses Durcheinander. Tiades schwarzes Hemd bauschte sich auf, als er eiligen Schrittes mit Fiare und mir im Schlepptau wieder zu den anderen eilte. Um uns herum waren die Menschen lebhaft dabei ihre Reisen zu planen oder sich, wenn sie sich lange nicht gesehen hatten, zu unterhalten und die neuesten Informationen auszutauschen. Wir verließen den Bahnhof und blieben auf dem Vorplatz stehen. Der Wind frischte auf und fegte durch meine Kleider und mein Haar. Seit langer Zeit war es das erste Mal, dass ich den Wind wieder so intensiv spürte und es stimmte mich irgendwie glücklich, wenngleich ein anderes Gefühl die Oberhand gewann. Mutlosigkeit…

„Dann stimmt es also tatsächlich!“, murmelte ich verstört. Tiades verschränkte die Arme vor der Brust. Sein Blick war bohrend. Und zum ersten Mal, seit vielen Monaten, spürte ich, wie eine Träne meine Wangen hinunter rann. Ich fing sie mit dem Finger auf, betrachtete sie eingehend, ehe sie auf dem Weg nach unten einfror und zu einem winzigen Eiszapfen wurde.

„Gefroren…“, dann verstummte ich und folgte den anderen schweigend.

 

Fiare zeigte mir mein Zimmer. Eigentlich waren es drei Zimmer, zwei Wohn- bzw. Schlafzimmer und ein Bad. Wir waren vom Bahnhofsvorplatz durch einen Riss, ein Portal in die Zwischenwelt, in den Palast Capricorn gelangt, der nach dem Sternzeichen Steinbock benannt wurde. Die Zwischenwelt war nicht viel anders als die wirkliche Welt, wenngleich man hier auch die Menschen der wirklichen Welt beobachten konnte. In der Zwischenwelt gab es auch Bäume und Felder, Seen und Dörfer. Das Einzige, was hier anders war, war die Tatsache, dass es keine Sonne in der Zwischenwelt gab, aber dafür drei Monde. Sie erhellten die Welt schwach aber ausreichend und versorgten außerdem die Paläste mit der nötigen Energie zum Selbstschutz. Capricorn war also ein lebendiges Gemäuer, riesig und wunderschön. Ein wahrer Meister musste es erbaut haben, denn es hatte tausende Türme und Zinnen, die Scheiben der Fenster waren getönt, wirkten von außen schwarz. Fiare und Karas hatten mich in mein Zimmer geleitet und waren anschließend verschwunden. Alles was sie noch gesagt hatten, war: Es ist besser, wenn du dich erstmal ausruhst. Und damit waren die beiden dann gegangen. Ich ließ mich auf das Bett sinken und ließ mich in die Kissen fallen. Zwei schwebende Lichtbälle erleuchteten das Zimmer kläglich. Lesen hätte ich hier nicht können. Selbst wenn es Licht gegeben hätte, meine Bücher waren mit meinem Leben verschwunden.

Nachdem ich eine Weile auf dem Bett gelegen hatte, fühlte ich mich in den Räumen, die man mir zur Verfügung gestellt hatte, mehr und mehr wie in einem Gefängnis. Ich öffnete eines der großen Fenster und drückte mich gerade auf den Fenstersims, als hinter mir die Türen aufgingen und Tiades das Zimmer betrat. Sein Blick fand mich und verdüsterte sich um einige Nuancen. Instinktiv ließ ich mich wieder ins Zimmer gleiten und stellte mich mit dem Rücken zum Fenster. Tiades ließ etwas auf mein Bett fallen. Ich sah an ihm vorbei und erkannte meine Tasche. Überrascht machte ich einen Schritt auf ihn und die Tasche zu.

„Eine Flucht wird dir hier nicht gelingen. Capricorn befolgt nur die Befehle, die ihm sein Herr gibt und solange das geschieht kannst du nicht fliehen. Du solltest dich also damit abfinden und dich endlich etwas erholen. Die kommenden Tage werden sicher nicht einfach“, erklärte er kalt und trat mir entgegen. Ich erstarrte. Tiades zeigte mir damit ganz deutlich, wie wenig er von mir hielt. Seine Abneigung verdeutlichte er, indem er die Arme vor der Brust verschränkte, und sein Gesicht sprach deutlich Verachtung aus. Das ärgerte mich und ich tat dasselbe. Ich zeigte ihm deutlich, dass ich ihn nicht mochte.

„Ich habe nicht darum gebeten“, erklärte ich unwirsch. Tiades blieb vor der Tür stehen, versperrte mir so den einzigen Ausweg. Seinem Gesichtsausdruck war zu entnehmen, dass er sich wieder sehr nah an einem Wutausbruch befand. Ich hatte zwar noch keinen erlebt, aber ich fürchtete ihn dennoch.

„Ich komme auch sehr gut ohne eure cleveren Ratschläge zurecht“, brummte ich und senkte den Blick. Tiades musste unwillkürlich Lächeln, doch das Lächeln gefror auf seinen Lippen, als er dann erkannte, dass meine Wut nicht nur ihm, sondern auch seiner Schwester und den anderen galt. Er machte nur zwei Schritte auf mich zu und ragte vor mir auf. Seine Nähe war so unerwartet und plötzlich, dass ich erschrocken zurückzuckte, wobei ich gegen das Fensterbrett stieß. Ich stöhnte unter Schmerzen auf. Tiades packte mein Kinn und drehte meinen Kopf so, dass ich ihn ansehen musste. Seine blauen Augen funkelten wie Edelsteine im schwachen Licht der Kugeln über uns. Sie blitzten zornig auf. Auch aus seinem Griff sprach deutlich, wie viel Mühe es ihn kostete, sich zu beherrschen.

„Es ist mir egal, was du über mich denkst…“, erklärte er mit belegter Stimme. „Meine Schwester hat sich alle erdenkliche Mühe gegeben, dir den Anfang hier so leicht und angenehm wie möglich zu machen. Deine Undankbarkeit ihren Mühen gegenüber ist wirklich erschreckend. Ich rate dir, dich ein wenig kooperativer zu verhalten, wenn du nicht Gefahr laufen willst, von den anderen Wächtern get…!“, er unterbrach sich, als er mein zorniges Gesicht bemerkte. Ich versuchte mich aus seinem Griff zu befreien, doch er ließ nicht locker.

„Ich kann auf euer Mitleid verzichten. Nur euretwegen hänge ich in dieser Zwischenwelt fest.“ Tiades verzog angewidert das Gesicht.

„Du hast dein Schicksal schon vorher besiegelt. Du konntest mich sehen, bevor du von dem Zug erwischt wurdest. Gib uns nicht die Schuld für dein Versagen“, knurrte er. Meine Hand schnellte hervor und traf schallend auf seine Wange. Tiades´ Kopf flog zur Seite und er knurrte gefährlich. Er hob die Hand an die Wange und fühlte die heiße Schwellung. Ich hatte all meine Kraft in den Schlag gelegt und hatte erreicht, dass er mich losließ. Ich wich zurück, bekam ein schlechtes Gewissen und wollte an ihm vorbei, aus dem Zimmer fliehen, doch er hielt mich zurück. Seine Hand umschloss mein Handgelenk und er riss mich zu sich herum.

„Das war ein Fehler!“, knurrte er und rammte mich gegen die Wand. Ich schlug um mich, versuchte ihn zu kratzen und mich zu befreien, doch wenn er wütend war, hatte er anscheinend das Dreifache an Kraft. Er wehrte alle meine Schläge ab, fing meine rechte Hand, die ich in sein Gesicht geschleudert hatte, mühelos ab und fesselte beide Hände hinter meinem Rücken mit seiner linken Hand. Dann entfernte er sich mit mir von der Wand und sah gleichgültig auf mich hinunter. Seine Wange war immer noch rot gefärbt. Ich begann erneut mich zu wehren, versuchte mein Knie zwischen seine Beine zu rammen, doch er wich mir aus. Beinahe spielerisch wand er seinen Körper und entkam meinen Attacken ohne Probleme. Ich spürte, wie meine Kräfte langsam wichen, dann plante ich meine Schläge genau. Ich riss meine Hand los, holte aus und traf Tiades´ Gesicht, obwohl er versuchte mir auszuweichen. Meine Fingernägel hinterließen blutige Striemen auf seinem Gesicht und sein Kopf flog herum. Sein Blick, plötzlich wild und unbeherrscht, bohrte sich in meinen und ich ließ die Hand sinken, die ich erneut zu einem Schlag gehoben hatte. Tiades Hand legte sich um meinen Hals und drückte zu. Ein unangenehmes Gefühl der Enge und des Luftmangels stellte sich ein, meine Glieder wurden schwer und mit einem Mal war meine Kraft verschwunden.

„Dafür wirst du büßen“, zischte er. Ich erkannte ihn nicht wieder. Am Bahnhof hatte er noch so viel Ruhe und Gleichgültigkeit ausgestrahlt, dass ich angenommen hatte, dass man ihn nicht zum Narren halten konnte.

Jetzt sah er wütend auf mich hinunter, angestachelt durch meinen Protest und gereizt durch die Schläge ins Gesicht. Seine Hand um meinen Hals schnürte mir die Luft ab und brachte mich dazu, nach Luft zu schnappen. Tiades nutzte das aus, näherte sich meinem Gesicht und presste seine Lippen weniger sanft als brutal auf meine. Ich wollte aufschreien, doch mein Schrei ging unter und kam nur gedämpft zwischen unseren Lippen hervor. Seine Hand, die immer noch um meinen Hals geschlossen war, lockerte ihren Griff und glitt schließlich von meinem Hals ab. Meine Hände, die ich in sein schwarzes Hemd gegraben hatte, glitten langsam von diesem ab und fielen wie leblos an meine Seite. Der schwach erleuchtete Raum, in dem wir uns befanden, war eine wunderbare Kulisse, um das Geschehen mehr wie einen schlechten Traum wirken zu lassen als wie die Realität, doch Tiades´ Kuss vermochte mich nicht in andere Sphären zu heben, denn er war sehr schmerzhaft. Doch nach wenigen Sekunden wurde sein Kuss sanfter, seine Lippen lagen zwar immer noch schwer auf meinen und übten einen fordernden Druck aus, doch seine Hand, die sich mittlerweile auf meine Taille gelegt hatte, zog mich noch an ihn, verursachte aber keine Schmerzen mehr. Dann spürte ich seine Zunge, wie sie gegen meine geschlossenen Lippen stieß und Einlass forderte. Ich versuchte den Kopf zur Seite zu drehen, um mich von ihm zu lösen, doch er ließ keinen Protest zu, stieß seine Zunge in meinen Mund und erstickte meinen aufkeimenden Protest im Keim. Seine schwarzen Haare fielen in mein Gesicht, kitzelten mich, und je länger der Kuss andauerte, desto schlaffer wurde ich in seinen Armen. Plötzlich schmeckte ich etwas Bitteres. Erschrocken riss ich die Augen auf, Tiades sah mich an. Er löste sich von mir und nahm ein paar Schritte Abstand. Ich griff mir an den Hals, denn was immer ich auch geschluckt hatte, es schien mir noch in der Kehle zu stecken. Ich röchelte, versuchte es herauszuhusten und spürte, wie ich es dann einfach hinunterschluckte. Tiades´ Blick war undefinierbar und als ich dann in die Knie brach, kam er zu mir, hob mich hoch und bettete mich in die vielen Lake des Bettes.

„Schlaf!“, wies er mich an, als mir die Augen zufielen.

 

 

20.11.10 21:42

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(11.2.11 13:11)


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