Seelensammler II

Ich erwähnte den Vorfall nicht. Weder am folgenden Tag, noch danach irgendwann. Tiades schien auch nicht das geringste Verlangen danach zu verspüren, ein Wort über diesen Vorfall zu verlieren. Im Gegenteil: Er sprach nicht einmal mit mir. So bekam ich immer mehr das Gefühl, dass ich nur eine Last für die anderen war, die mich auch noch zu einem vollständi-gen Wächter der Nacht machen mussten. Und da ich mich nicht nur mit Händen und Füßen gegen diese Ausbildung wehrte, sondern auch mein Geist sich mehr und mehr verschloss, stellte meine Ausbildung für die anderen fünf eine mehr als schwierige Herausforderung dar. Was den theoretischen Teil meiner Ausbildung anbetraf, so musste ich zugeben, dass ich die-sen Teil mehr genoss als alles andere, denn dort konnte ich mich in die Bibliothek des Schlos-ses verziehen, wo mir die Bücher, wie seit jeher schon, mehr als treue Begleiter waren. Eines Tages betrat Fiare die Bibliothek, auf der Suche nach mir. Ich fürchtete, dass es sich um Tiades handelte und versteckte mich in einem düsteren Gang. Als ich dann an den Schritten erkannte, dass es sich um Fiare handelte, die in einem schwarzen Tüllrock durch die Regale streifte. Ich trat zwischen den Regalen hervor und stellte mich ihr abwartend entgegen. Fiares Blick erhellte sich, als sie mich mit zwei dicken Büchern unter den Armen vor sich stehen sah. Mir erging es ähnlich, denn ich mochte sie mittlerweile sehr. „Tiades will dich sehen!“, verkündete sie die Botschaft und sofort bekam ich ein beklemmen-des Gefühl. Ich nickte nur mechanisch, denn ich wusste was kommen würde. In der prakti-schen Übungsstunde, wenn ich mal eine hatte, würde ich durch Tiades´ bedrohliche Gestalt wieder nicht in der Lage sein, auch nur einmal meine Präsenz zu verschleiern. Das war das Wichtigste, wenn man sich auf den Weg in die Menschenwelt machte um die Seelen der Tod-geweihten auf ihren bevorstehenden Weg ins Jenseits vorzubereiten. Man kam dabei natürlich auch oft in Berührung mit jenen Todgeweihten, die sich gegen den Tod sträubten und dement-sprechend auch viele Schwierigkeiten machten. Man kam als Wächter der Nacht, der eigent-lich nichts anderes ist, als ein Todesengel, auch mit den Menschen in Berührung, die durch das Verschulden anderer gestorben sind, wie Opfer von Mördern oder auch Kinder, die von ihren Peinigern nach dem Missbrauch einfach getötet wurden. Mit diesen Gedanken schlich ich hinter Fiare her. Tiades erwartete uns in einer großen Halle, Karas kam uns entgegen, er sah alles andere als glücklich aus, denn seinem Blick war deutlich zu entnehmen, dass er ein hitziges Gespräch mit Tiades hinter sich hatte. Tiades trug dieses Mal eine schwarze Hose, die sich eng um seine Beine spannte, darüber ein normales schwarzes Hemd. Außerdem hatte er sich einen schwarzen Mantel angezogen. Der bauschte sich hinter ihm auf, als er sich zu uns umwandte. Sofort sperrte ich mich innerlich, denn sein Blick war kalt und gleichgültig. Ab-weisend. Fiare runzelte sofort die Stirn. Ich ließ die Bücher zu Boden gleiten und setzte ein mürrisches Gesicht auf, um mir nicht anmerken zu lassen, dass ich eigentlich Angst hatte. Tiades reagierte immer sehr ungehalten, wenn ich meine Aufgaben nicht erfüllte. Tiades zog seinen Mantel aus. Er ließ ihn achtlos zu Boden gleiten und fixierte mich aus schmalen Au-gen. „Du weißt, was zu tun ist“, erklärte er und ich nickte steif. Ich ballte die Hände zu Fäusten, schloss die Augen und versuchte mich auf mein Innerstes zu konzentrieren. Ich versuchte meinen Geist einzufangen, ihm seiner Präsenz zu berauben, wenn ich ihn dann sah, doch ich konnte ihn nicht entdecken. Ich schien mich innerlich wieder gesperrt zu haben. Schließlich seufzte ich, öffnete wieder die Augen und sah hilfesuchend zu Fiare. Die sah mich besorgt an. „Ich kann es nicht“, flüsterte ich. Tiades seufzte ebenfalls, kam dann auf mich zu. „Es kann auch nicht klappen, wenn du ihr Angst machst!“, wetterte Fiare. Tiades´ Augen blitzten gefährlich. Ich wich vor den beiden zurück. „Wie soll sie denn jemals ihre Präsenz erfolgreich verschleiern können, wenn sie sich immer sperrt, sobald du ihr wieder mit Ablehnung begegnest? Du kannst nicht erwarten, dass sie Fortschritte macht… nicht so jedenfalls“, erklärte Fiare. Ihre Stimme war während dem spre-chen immer leiser geworden, je düsterer Tiades´ Gesicht wurde. Sie kam zu mir und ergriff meinen Arm. Sie führte ihre Lippen so nah an mein Ohr, dass ich ihre geflüsterten Worte gut verstehen konnte. „Neuerdings ist er wie ausgewechselt. Ich weiß nicht, was mit ihm los ist. Es tut mir sehr leid, dass du ihn ausgerechnet so kennen lernen musst. Er ist ganz anders. Ruhig und beherrscht. Aber keine Sorge, ich bleibe hier, so kann dir nichts passieren“, versprach sie mir im Flüster-ton. Ich lächelte dankbar, warf dann wieder einen Blick auf Tiades, der den Blick aus dem Fenster gerichtet hatte. Im Profil, wenn er mit einem entspannten Gesicht aus dem Fenster sah, sah er richtig ruhig aus. Seine schwarzen Haare waren zerzaust, sie fielen ihm immer wieder in die Stirn. Dann wandte er den Blick. Diesmal war in seinen Augen keine Abneigung zu lesen, sein Blick war neutral. Den Kopf hatte er leicht gedreht, stand aber immer noch mit den Händen in den Hosentaschen. Seine blauen Augen leuchteten. Ich spürte, wie mein Herz einen Satz machte. So hatte ich ihn bisher noch nie erlebt. Auch Fiare neben mir blickte ihren Bruder mehr verwundert als entsetzt an. Doch binnen von Sekunden hatte er sich wieder ge-fangen und sah uns entgegen. Ich sah, wie seine Augen, die eigentlich von einem tiefen Ko-baltblau waren, immer heller wurden, bis sie fast silbern leuchteten. Ich sah fragend zu Fiare. „Er verschleiert seine Aura. Jetzt können die Menschen ihn nicht mehr spüren“, erklärte sie. „Aber ich habe euch doch damals auch gesehen?! Habt ihr eure Aura nicht verschleiert?“ Fia-re sah mich an. Tiades kam auf uns zu und blieb vor uns stehen. „Deine Seele hatte sich schon von der „irdischen Welt“ gelöst. Sie verweilte schon nicht mehr auf der Seite im Diesseits, sondern befand sich schon auf dem Weg ins Jenseits. Wir haben lediglich verhindert, dass deine Seele sich vorzeitig von deinem Körper löst, denn sie kann die Menschen spüren, deren Leben sich dem Ende entgegen neigt“, beantwortete Tiades meine Frage. Seine Stimme war sanft, nicht wütend. Damit verließ Tiades den Saal. Karas und Manou, das silberhaarige Mädchen, hatten gegen Abend den Palast verlassen um in der wirklichen Welt die Seele einer alten Frau auf den Tod vorzubereiten. Bei alten Menschen war das besonders wichtig, denn sie hatten in ihrem Leben so viel Wertvolles erlebt, was oft verloren ging, wenn die Seele den Körper verließ. Außerdem war es wichtig die Seele eines sterbenden Menschen auf das Verlassen des Körpers vorzubereiten, damit er der Hülle, die er dann hinterließ, keinen Schaden hinterließ. Die Hülle sollte unverletzt bleiben, damit die Menschen sie dann bestatten konnten. Karas und Manou hatten die Wahl gehabt: Entweder die Seele einer sterbenden Frau vorbereiten oder die verbitterte Seele eines Kindes zurückfüh-ren, das durch einen Pedophilen ermordet worden war. Sie hatten sich für die alte Frau ent-schieden, aufgrund der Tatsache, dass erst kürzlich eine Seele so viel Ärger verursacht hatte, dass sie erst einmal genug hatten. Tiades uns Fiare blieben dann mit Aora und mir zurück. Aora war ein ruhiges Mädchen, mit langen schwarzen Haaren, das sich mit großer Hingabe dem Legen von Tarotkarten beschäftigte. Sie sagte mit Vorliebe düstere Schicksale voraus, doch als sie mir die Karten legte, während Tiades und Fiare sich über die weitere Vorgehens-weise einigten, änderte sich das Bild der Karten grundlegend. Aora kniete vor mir und ließ mich die Karten mischen. Denn durch mein Mischen, wurden sie automatisch von meiner Aura umschwirrt und auch in eine bestimmte Reihenfolge gebracht. Tiades sah dem ganzen mit hochgezogener Augenbraue zu, denn er selbst hatte diese Prozedur auch über sich ergehen lassen müssen. Aora hatte jedem Wächter die Karten gelegt und sie hatten tatsächlich unna-türlich oft ein düsteres Schicksal vorausgesagt. Was Aora Tiades allerdings verschwiegen hatte, war, dass seine Karten ihr noch etwas verraten hatte, als nur ein Leben, das von zahlrei-chen Todeslinien durchzogen war. „Wähle deine Karten!“, bat Aora mich mit tonloser Stimme. Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen. Dann nahm ich ein paar Karten, wählte sie nach meinem Gefühl aus und legte sie verdeckt auf den Boden vor uns. Aora nickte, legte die anderen Karten weg und nahm meine Hand in ihre. Dann deckte sie eine Karte nach der anderen auf und runzelte, als alle vor ihr lagen und sich ihre Bedeutung offenbarte, die Stirn. „Was siehst du?“, fragte ich alarmiert, weil sie nur auf die Karten starrte und sich völlig in ihnen verloren zu haben schien. „Eine Zukunft, in der dir viele Menschen begegnen, die stark sind. Menschen, die Eindruck auf dich hinterlassen. Menschen, deren Mut und Stärke bewundernswert sind“, deutete Aora die erste Karte. Dann ließ sie ihren Finger über die nächste Karte wandern. Sie verharrte dort eine Weile, fegte dann ein Sandkorn hinunter und wanderte noch einmal darüber. „Zurückgelassen, als du dein neues Leben begonnen hast, hast du nichts. Es gibt niemanden mehr, der dich vermissen wird.“ Ich wusste wie sie es meinte, denn meine Eltern waren vor zwei Jahren gestorben. Aora sah auf. Ihre müde wirkenden Augen bohrten sich in meine. „Jemand wird dir begegnen, der eine tragende Rolle in deinem Leben spielen wird“, prophe-zeite sie. „Wer?!“, schoss es aus mir heraus. Sowohl Tiades als auch Fiare horchten auf. „Ich kann nicht erkennen wie er aussieht. Ich sehe nur schwarz, dunkel…“, murmelte Aora. Ein wenig enttäuscht ließ ich mich zurücksinken. Fiare sah, wie sich ihr Bruder anspannte. „Wir sollten dann auch aufbrechen!“, verkündete sie und nahm so der Situation die Schärfe. Aora packte ihre Karten zusammen und stand auf. „Zwei Seelen müssen zurückgebracht werden!“, erklärte Fiare ungerührt die Situation. Tia-des´ Blick zuckte zu mir hinüber. Fiare folgte seinem Blick und nickte mir zu. „Wir müssen uns aufteilen. Eine der Seelen befindet sich in der Stadt, die Andere versucht zu entkommen. Aora geht mit mir… und du gehst mit Tiades.“ Fiares Blick wurde unruhig, ihre Augen zuckten nervös von mir zu Tiades und wieder zurück. „Dann lasst uns loslegen!“, stimmte Aora einen melancholisch klingenden Singsang an. Sie wandte sich um, strich ihre mit Spitze besetzte schwarze Korsage glatt und richtete die Schlei-fen an ihrem Rock. In ihren langen schwarzen Haaren befanden sich weinrote Bänder, die einen krassen Kontrast zu dem schwarzen Outfit standen. Fiare zog mich mit sich. „Du wirst es schon schaffen“, meinte sie. Sie sagte das allerdings mit weniger Überzeugung als ich anfangs angenommen hatte, „Aora hasst es auf Seelenjagd zu gehen. Deshalb gehe ich meistens mit ihr. Tiades ist es allerdings gewohnt allein zu gehen, aber er hat die meiste Er-fahrung von uns allen. Schließlich ist er schon lange hier!“ „Wie lange denn genau?“, fragte ich. Fiare überlegte einen Moment. „Als ich noch ganz klein war, ich erinnere mich kaum daran, war Tiades schon 18 Jahre alt. Ich habe ihn nur drei Jahre gekannt, dann starb er bei einem Unfall. Als ich dann 16 wurde, machte meine Klasse einen Ausflug zu einem Lager der StaSi in Deutschland. Leider hatte man auf dem Gelände nicht alle Tretmienen gefunden und meine Freundinnen und ich star-ben. Tiades hat mich zu sich geholt. Ohne ihn, wäre ich jetzt sicher nicht hier. Seit diesem Tag sind mehr als 50 Jahre vergangen in denen wir den Seelen der Menschen helfen sich auf den Weg in Jenseits vorzubereiten. Nach einer Weile verliert man hier jegliches Gefühl für Raum und Zeit, denn die Tage sind für uns immer gleich und wir altern schließlich auch nicht mehr.“ Fiares Stimme klang nicht sehnsüchtig, wie ich erwartet hatte. Ich hatte eigentlich gedacht, dass sie sich nach dem Leben auf der Erde sehnen würde, aber anscheinend hatte ich mich geirrt. Sie schien mit ihrem Leben hier mehr als zufrieden zu sein. „Ihr seid seitdem keinen Tag älter geworden???“ Fiare nickte zustimmend. Dann trat Aora hinter sie und zupfte unauffällig aber bestimmt an Fiares Ärmel. Das Mädchen in den Netz-strümpfen nickte mir noch einmal zu und verschwand dann mit Aora. Tiades und ich blieben zurück. Nach einer Weile des Schweigens, wandte auch er sich zum gehen. Ich folgte ihm. Wir durchquerten ein Portal zur wirklichen Welt und landeten mitten in einer Einkaufspassa-ge. Tiades fuhr sich durchs Haar und seufzte schwer. „Die Portale werden auch immer ungenauer!“ Ich schwieg und folgte ihm, als er mit weit ausgreifenden Schritten durch die engen Gassen eilte, die vor Ständen und Tischen mit ange-botener Ware nur so überquollen. Plötzlich blieb er stehen, so abrupt, dass ich beinahe in ihn hineingerannt wäre. Ich konnte gerade noch den ungewollten Körperkontakt verhindern, als er sich zu mir umdrehte. Sein Blick glitt suchend über die vielen Menschen. Immer wieder traten sie durch mich hindurch, jagten ein Kribbeln durch meinen Körper. Tiades schien das gar nicht mehr mitzubekommen. Oder es machte ihm nichts aus, dass die Menschen durch ihn hindurch liefen, wie durch Nebelschwaden. ~ Wahrscheinlich hat er sich im Laufe der Zeit schon daran gewöhnt! ~ So weit wie ich es konnte, versuchte ich den Menschen auszuwei-chen. Plötzlich griff mich Tiades am Arm und zog mich mit sich. „Sie versucht zu fliehen!“, erklärte er, während wir durch die Gassen rannten. Und plötzlich konnte ich etwas spüren, eine schwache Aura. Und irgendwo vor uns verschwand ein Schat-ten, eine Silhouette. Man konnte keine Gesichtszüge erkennen, so dunkel war der neblige Schatten. Tiades schien ihn auch gesehen zu haben, denn er beschleunigte seine Schritte und griff außerdem an seine Seite und förderte ein Schwert zutage. Ich sog scharf Luft ein, als ich die breite schwarze Klinge sah. „Du wirst sie verletzen“, schrie ich. Tiades blieb stehen. Sein Griff an meinem Oberarm ver-stärkte sich und er sah mit kalten Augen auf mich hinunter. „Von Dingen, von denen du keine Ahnung hast, solltest du besser die Finger lassen!“, knurrte er und beugte sich tief zu mir hinunter. Seine Lippen bebten leicht, doch dann ließ er von mir ab und beeilte sich dem Schatten zu folgen.

20.11.10 21:38

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